Öffentliche Erinnerung auf der Probe
Wenn man eine Straße nach einer Persönlichkeit benennt, tut man dies, um den Namen dieser Persönlichkeit aktuell und auf Zukunft hin zu ehren und an die Verdienste oder an Gegebenheiten, die mit der Persönlichkeit verbunden sind, zu erinnern. 1890 tat dies der Ort Neukölln, als er die Straße Nr. 150 zur Wissmannstraße machte. Hermann Wissmann war zuvor wegen seiner Verdienste um die Niederschlagung des "Araberaufstandes" in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika in den Adelsstand erhoben worden. Acht Jahre später wurde ihm im Grunewald eine weitere Straße gewidmet.
In mindestens 21 weiteren westdeutschen Städten tragen heute Straßen und Plätze des Namen Hermann von Wissmanns, wohingegen die Wissmannstraßen in Erfurt, Leipzig und Frankfurt/Oder 1950, bzw. 1965 umbenannt wurden. Im Westen Deutschlands tat dies allein die Stadt Bochum im Jahr 1998.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1993 ist sich die Werkstatt der Kulturen der Last bewusst, die es bedeutet, in einer Wissmannstraße gelegen zu sein. Seitdem haben wir nach einer Gelegenheit gesucht, diesen Namen zu thematisieren, uns damit auseinanderzusetzen, was es heißt, dass der Namenspatron eine zumindest sehr umstrittene Figur aus der deutschen Kolonialgeschichte war. Die Bezeichnung als "Forschungsreisender" und als "einer der wagemutigsten und erfolgreichsten Afrikaforscher" wird dem Menschen Hermann von Wissmann sicherlich nicht gerecht. So charakterisierte ihn nicht etwa eine Publikation der 20er oder 30er Jahre, sondern das "Lexikon aller Berliner Straßen und Plätze" des Luisenstädtischen Bildungsvereins aus dem Jahr 2005.
Im vergangenen Jahr war für uns dann endgültig der Zeitpunkt gekommen, uns intensiver mit Wissmann zu beschäftigen. 2005-2007 jährt sich der Maji-Maji-Krieg im damaligen Deutsch-Ostafrika, im Süden des heutigen Tansania zum 100. Mal. Dieses traurige Jubiläum eines Krieges, dem nach Schätzungen bis zu 300.000 Tansanier (und 16 Deutsche) zum Opfer gefallen waren, begehen wir gemeinsam mit Umoja wa Watanzania Berlin/Brandenburg e.V., dem Verein der in Berlin und Brandenburg lebenden Tansanier, in einer Reihe von Aktionen, die im Sommer 2007 ihren Abschluss finden.
Dass also die Erinnerung an eines der schlimmsten Verbrechen der deutschen Kolonialgeschichte von einem Ort ausgeht, der den Namen eines der Hauptakteure dieser Kolonialgeschichte trägt, ließ uns keine Ruhe mehr. So begannen wir vor ziemlich genau einem Jahr, unseren Wunsch nach einer Umbenennung der Wissmannstraße auszudrücken. Eine diesbezügliche Pressemitteilung führte zu einer schnellen Reaktion des Bezirksamtes, das ein historisches Gutachten zur Person Hermann von Wissmanns in Auftrag gab. Der Gutachter empfiehlt dringend eine Umbenennung der Wissmannstraße.
Nach unserer ersten Pressemitteilung haben wir das Thema wieder für einige Monate ruhen gelassen - vor allem um zu verhindern, dass es als Thema in den Wahlkampf zur Wahl der Neuköllner Bürgerverordnetenversammlung einfließt. Eine solche Thematik ist sehr komplex und sensibel, und benötigt eine ausführliche, gelassene, aber intensive Beschäftigung, und das ist in Wahlkampfzeiten kaum möglich.
Nachdem sich nun die Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln für die neue Legislaturperiode konstituiert hat, lädt die Werkstatt der Kulturen zu einer fünfteiligen Reihe von Informations- und Diskussionsveranstaltungen mit HistorikerInnen, PolitikerInnen und engagierten KünstlerInnen zu dieser Thematik ein. Ziel dieser Reihe, die sich an die AnwohnerInnen der Wissmannstraßen in Berlin und darüber hinaus an eine breite Öffentlichkeit richtet, ist im ersten Schritt Information und kontroverse Diskussion über das Wirken Hermann von Wissmanns, und im weiteren die Erörterung der Frage, ob eine Umbenennung angestoßen werden soll, oder ob andere Formen des Umgangs mit Namen und Daten der Kolonialzeit angemessener sein könnten.
13.12.2006, 19.00 Uhr, Seminarraum 1
Erinnerungspolitik – der Umgang mit Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit in Berlin
Joshua Kwesi Aikins, deutsch-ghanaischer Politologe, Initiative Schwarzer Deutscher e.V.
Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit - Spuren der Kolonialzeit im heutigen Berlin (Multimedia-Vortrag)
Marcus Albrecht, Mitglied der SPD Fraktion in der BVV Neukölln
Kolonialgeschichte in der Neuköllner Politik am Beispiel des „Afrika-Steins“ auf dem Garnisonsfriedhof.
24.01.2007, 19.00 Uhr, Seminarraum 1
Soldaten - Priester - Oppositionelle. Die Kolonialzeit im historischen Kontext
Prof. Dr. Helmut Bley, Professor (em.) für Neuere und Afrikanische Geschichte, Leibniz-Universität Hannover
Kolonialismus im Kaiserreich. Zwischen den Polen des radikalen Nationalismus und Militarismus und der Oppositionsströmungen im Reichstag und in den Missionen
Dr. Alan Nothnagle, Historiker, Berlin
Hans Paasche - Ein antikolonialer Kolonialoffizier in Deutsch-Ostafrika
Paulette Reed-Anderson, Historikerin, Center for African Diaspora Research in Berlin
„Berlin-Petition” – Beispiel afrikanischer politischer Aktivitäten gegen deutsche Kolonialpolitik
20.02.2007, 19.00 Uhr, Seminarraum 1
Zukunft des Gedenkens: Visionen und Perspektiven
Jokinen, Bildende Künstlerin, Initiatorin von afrika-hamburg.de, park postkolonial, wandsbektransformance
Alt und Neu in Sicht: Das Gedenken als transdisziplinäres und beteiligungsorientiertes work-in-progress
Yonas Endrias, Diplom-Politologe und Dozent, Vizepräsident der Internationalen Liga für Menschenrechte
Straßennamen als urbaner Gedächtnisraum
Prof. Dr. em. Ekkehart Krippendorf, Politikwissenschaftler
Wie, wer und was wird öffentlich erinnert?
Noch unbekannter Termin:
Politik befragt: Brauchen wir eine Umbenennung der Wissmannstraße(n) in Berlin?
Podiumsdiskussion mit Lokal-, Regional- und Bundespolitikern
Eintritt frei. Alle Veranstaltungen bieten Gelegenheit zu ausführlicher Diskussion mit den Referenten.
Anfang 2007 hat sich eine berlinweite Arbeitsgruppe rund um das Thema "koloniale Straßennamen" gebildet, an der neben der Werkstatt der Kulturen AfricAvenir International, der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, die Internationale Liga für Menschenrechte, das Projekt "Unterm Teppich?", das Tanzania Network und Uwatab e.V. teilnehmen. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, eine Umbenennung von Berliner Straßen, die nach wichtigen Akteuren des deutschen Kolonialismus benannt sind, zu erreichen.
Als erster Schritt in diese Richtung wurde das hier vorliegende Dossier "Straßennamen mit Bezügen zum Kolonialismus in Berlin" erstellt.
Die Werkstatt der Kulturen wird ihre weiteren Aktivitäten zur Umbenennung der Wissmannstraße in den Rahmen dieser Initiative stellen.
Im gleichen Kontext, mit ähnlichen Zielen und etlichen personellen Überschneidungen arbeitet der im Sommer 2007 gegründete Verein "Berlin postkolonial e.V.", der aus der Wissmannstraßeninitiative und den vorausgehenden Aktionen der Werkstatt der Kulturen zum Thema "100 Jahre Maji-Maji Krieg" hervor ging.

