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»Integration abschaffen!«

 


Kontrovers und lebhaft: Vor vollem Haus diskutierten Michel Friedman und
ein illustres Podium zum Thema Rassismus in der Werkstatt der Kulturen
 

Maryam Stibenz, Integrationsbeauftragte des Bezirkes Berlin-Mitte, brachte ihre Haltung zur aktuellen Integrationsdebatte in ihrem Schlussstatement zum Ausdruck: »Das Wort Integration sollte abgeschafft werden. Statt dessen müssen wir über Respekt und Anti-Diskriminierung sprechen.« Tosender Applaus im Saal der Werkstatt der Kulturen am vorvergangenen Mittwochabend. Mekonnen Mesghena, Leiter der Abteilung »Migration & Diversity« bei der Heinrich-Böll-Stiftung, spitzt zu: »Es gibt keine Rassismus-Debatte in diesem Land.«

In diesem Zusammenhang versucht die Werkstatt der Kulturen einen Anfang: Sie hatte zu einer Podiumsdiskussion geladen, die das Thema Rassismus im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte in den Fokus nahm. Kein Geringerer als Michel Friedman hatte sich sofort bereit erklärt, die Diskussion zu leiten: »Denn der Diskurs war bisher sehr entwürdigend für die, die betroffen sind. Endlich kommen sie zu Wort.«
»Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist der Integrierteste im ganzen Land?«, so der Titel der Auftaktveranstaltung. Erörtert wurde die mit dieser Fragestellung einhergehenden Konsequenzen für das Selbstverständnis von Angehörigen kultureller Minderheiten in Deutschland: Schockstarre & Selbsthass oder Solidarität & Widerstand? Wie fühlt man sich angesichts allgegenwärtiger, als sachlich getarnter, pauschalisierender Bilder über sich selbst? Was tun, mit »guten« und »schlechten« Fremdzuschreibungen? Was passiert in Deutschland, wenn komplexe gesellschaftliche Herausforderungen ethnisiert oder kulturalisiert werden?


Der (Selbst)Definitions-Druck droht übermächtig zu werden. Das bestätigte Naika Foroutan, Migrationsforscherin an der Humboldt Universität zu Berlin: »Zum ersten mal in meinem Leben musste und wollte ich mich als Muslima positionieren.« Auch Kien Nghi Ha, Politik- und Kulturwissenschaftler und Kurator einer demnächst im HAU laufenden Diskursreihe zum Thema »Vietnamesische Diaspora and Beyond", empfindet die derzeitige Debatte als tiefgreifendste Rassismus-Erfahrung, die er je gemacht hat. Trotzdem meint er: »Ironisch gesprochen muss die mehrheitsdeutsche Gesellschaft Sarrazin eigentlich
dafür dankbar sein, dass er, selbst für einen Blinden erkennbar, die weitverbreiteten rassistischen, antisemitischen und islamophoben Einstellungen der Dominanzdeutschen bewiesen hat.« Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung stimmt zu: »Endlich wird z.B. darüber nachgedacht, die Berufs- und Universitätsabschlüsse hierher Immigrierter an zu erkennen – es kann doch nicht sein, dass hochqualifizierte Leute wegen eines mittelalterlichen Ständeverständnisses Taxi fahren!«


Michel Friedman fasste den Abend zusammen, in dem er sich gegen die jüngste Aussage der Kanzlerin positionierte: »Multikulti ist mitnichten tot, sondern sehr lebendig. Meine Erfahrung als Jude ist jedoch: Es gibt immer jemanden, der sich die Macht nimmt, die Defintionen über Kultur und damit über die »Anderen« auszusprechen. Die Auseinandersetzung hört nie auf.«


In diesem Sinne lädt die Werkstatt der Kulturen an zwei weiteren Abenden namhafte Gäste aus Politik, Kunst und Kultur, Journalismus, Wissenschaft und Forschung ein, um bei »PLAYING IN THE DARK oder die Rassimus-Falle« mit Michel Friedman zu debattieren.

WEITERE VERANSTALTUNGEN:

24/NOV/2010: »Von Kindesbeinen an – Rassismus: Entstehungsgeschichte, Funktionsweisen & Auswege«

15/DEZ/20101: »Das sagt man nicht – diskriminierende Sprache in Politik, Medien & Alltag«

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