April 2015

 

Griechenland und Euro(pa)

Donnerstag 16.04.2015 18:00 | Saal

Eintritt: 5,- €

Veranstalter/-in: Werkstatt der Kulturen/ Hellenische Gemeinde zu Berlin e.V.

Kooperation

Geld oder Werte - was bestimmt das Verhältnis?

 

Wie andere deutsche Städte empfängt auch Berlin zur Zeit jeden Tag viele neue griechische Immigranten. Berlin ist zweifellos eine Stadt, die in Sachen kulturelle Vielfalt und Koexistenz eine lange Tradition hat. Dennoch gibt es auch hier Menschen, die über die negativen Auswirkungen eines inszenierten Klimas in Bezug auf die Beziehungen zwischen Deutschen und Griechen in Berlin besorgt sind.

Die WERKSTATT DER KULTUREN teilt diese Besorgnis und organisiert deshalb diese Veranstaltung, in der unterschiedliche griechische Stimmen zu Wort kommen.

 

Programm

 

Hintergrund

Die letzten 15 Jahre in Griechenland waren merkwürdig. Die Griechinnen und Griechen haben sozial, wirtschaftlich und psychologisch Schwankungen erlebt, wie sie einem selten in diesem Ausmaß innerhalb einer solch kurzen Zeitspanne begegnen. Kurz vor 2004 wurde in Griechenland die gemeinsame europäische Währung eingeführt. Die griechische Wirtschaft schien zu dieser Zeit stark zu wachsen, man konnte überall Baustellen großer öffentlicher und privater Projekte sehen, die Griechen konsumierten, es herrschte grenzenloser Optimismus.

Ein Beweis dafür? Griechenland übernimmt und veranstaltet die Olympischen Spiele 2004 und die Tatsache, dass ein Land von nur 10 Millionen Einwohnern eine Veranstaltung einer solchen Größe übernimmt, überrascht kaum jemand in Griechenland, und auch kaum eine europäische und internationale Institution. Die globale wirtschaftliche Krise bricht aber sehr bald aus, die griechische "Blase" platzt mit einem großen Knall und die zentralen europäischen Institutionen laden kurz darauf den IMF ein, um eine gemeinsame Finanzierungsstruktur für Griechenland zu organisieren. Als Gegenleistung verlangen sie im Grunde eine vollständige Vormundschaft über die griechische wirtschaftliche und soziale Politik.

Wozu das führte, ist jetzt offenbar geworden: 2015 ist Griechenland pleite. Die Wirtschaft liegt am Boden, es herrscht massive Arbeitslosigkeit, weit verbreitete Armut, Niedergeschlagenheit, Depression, tausende Selbstmorde. Neonazis gewinnen an Einfluss, zu erkennen auch aber nicht nur an ihrer Anwesenheit im griechischen Parlament. Tausende von Griechen emigrieren in die wirtschaftlich besser gestellten Länder, besonders auch nach Deutschland. In diesem Klima verhalten sich die Griechen und die Griechinnen wieder unerwartet, außerhalb der europäischen politischen Normen der letzten Zeit: nach einem dramatischen Wahlkampf hat eine linke Partei seit Januar 2015 zum ersten Mal die Regierung des Landes übernommen.
Die neue Regierung bezeichnet die Vereinbarungen zwischen EU-IMF und den vorigen griechischen Regierungen als ineffektiv, ausweglos und unmenschlich und erklärt zugleich, dass sie eine neue Abmachung schließen will. Die Kreditgeber aber sind uneinsichtig und bestehen darauf, dass Griechenland nicht nur seine Verbindlichkeiten völlig abbezahlen muss, sondern auch dass sie allein wissen, wie dies geschafft werden kann. Und immer öfter wird Griechenland mehr oder weniger direkt auf die Möglichkeit des Austritts aus der Eurozone (der so genannte "Grexit") hingewiesen.

Diese politische Debatte reflektiert sich gleichzeitig innerhalb der Gesellschaft selbst. Leider verbreiten sich inzwischen Gefühle gegeseitiger Abneigung, die durch Veröffenlichungen, Bemerkungen und Kommentare, innerhalb und außerhalb Griechenlands, systematisch inzeniert werden. Verschiedene Medien und ein entsprechendes Publikum in Deutschland zum Beispiel bezeichnen die Griechen im Allgemeinen als "hinterlistig", "Lügner" und "Betrüger" und umgekehrt wird in Griechenland von den Deutschen als "brutale Eroberer" gesprochen.
 

AGORÁ

Dokumentarfilm AGORÁ | R:Yorgos Avgeropoulos  | deutsche Erstaufführung

Der Dokumentarfilm AGORÁ des griechischen Filmemachers Yórgos Avgerópoulos portraitiert die Eurokrise aus griechischer Sicht über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren.

 

Der Regisseur fängt die politischen und sozialen Auswirkungen der Krise in intensiven, teilweise erschütternden Bildern ein und spricht sowohl mit den politischen Entscheidungsträgern als auch mit den direkt Betroffenen der Krise.

Avgerópoulos dokumentiert Zustände, von denen man nicht mehr glaubte, dass sie in Europa möglich wären: Armut, Obdachlosigkeit und eine immer höhere Arbeitslosigkeit greifen um sich. Das soziale Gefüge des Landes ist tief erschüttert und hat nun auch für ein politisches Erdbeben gesorgt.

AGORÁ ist eine WDR-Koproduktion mit Small Planet Documentary Production House und Al-Jazeera.

AGORÁ versucht, die Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise und der sie begleitenden politischen Strategien auf Griechenland darzustellen.

  

Der 1971 in Athen geborene griechische Journalist und Dokumentarfilmer Yorgos Avgeropoulos arbeitete für griechische Fernsehsender zu innen- und außenpolitischen Themen. Als Kriegsberichterstatter berichtete er über Konflikte in Bosnien, Kroatien, Irak, Afghanistan, Kosovo und Palästina.

Die von ihm im Jahr 2000 entwickelte Dokumentarfilmserie "Exandas" ("Sextant") wurde bei zahlreichen Film- und Dokumentarfilmfestivals in Griechenland und anderen Ländern preisgekrönt und anschließend im staatlichen griechischen Fernsehen übertragen.

 

Schuld und Sühne?


Podiumsdiskussion: Die Finanzpolitik der EU im Fall Griechenland

Moderation: Eleni Klotsikasdie (deutsch-griechische Journalistin)

Gäste

  • Prof. Dr. Spyros Marchetos (Politikwissenschaftler, Universität Thessaloniki)
  • Giorgos Chondros (Mitglied des Vorstands der Syriza-Partei)
  • Ioanna Kryona (Vorstandsmitglied der Hellenischen Gemeinde zu Berlin)
  • Hans Köbrich (Solidaritätskomitee Griechenland)

Prof. Dr. Spyros Marchetos hat Jura und Geschichte studiert und unterrichtet seit 2001 Geschichte der Ideen am Institut für Politikwissenschaft der Aristoteles Universität Thessaloniki. Er ist Autor der Werke Alexander Papanastassiou und seine Ära. Antinomien des reformistischen Sozialismus (1998), und "Wie ich Mussolini küsste". Die ersten Schritte des griechischen Faschismus (2006). 2008 eröffnete er mit einem Artikel den Diskurs um einen möglichen Schuldenerlass für Griechenland. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Epochen der Aufklärung und der Romantik, der Geschichte radikaler und rechtsextremistischer Bewegungen, der sowjetischen und post-sowjetischen musikalischen Avantgarde, und der Gendergeschichte. Seine letzte Arbeit bestand in der Übersetzung und Bearbeitung der Memoiren des proto-Anarchisten Edward John Trelawny, der bei der Griechischen Revolution mitgewirkt hat.

Giorgos Chondros ist Vorstandsmitglied der SYRIZA-Partei, Leiter der Umwelt- und Ökologieabteilung von SYRIZA und Aktivist des Netzwerks der Solidaritätsinitiativen Solidarity4All. Er ist zudem seit langer Zeit Basisaktivist – nicht nur in Athen, sondern auch in einem kleinen Dorf in Nordgriechenland, in dem die Bevölkerung seit über 20 Jahren den Bau eines Staudamms verhindert.

Ioanna Kryona (geboren 1990 in Thessaloniki, Griechenland) hat ihr Bachelorstudium in Kunstgeschichte und Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin abgeschlossen und steht zurzeit vor dem Abschluss des Masterstudiengangs Filmwissenschaft. Sie ist außerdem als Filmregisseurin in Berlin tätig. Im Mai 2014 wurde sie in den Vorstand der Hellenischen Gemeinde zu Berlin e.V. gewählt, wo sie seit Februar 2015 als stellvertretende Vorsitzende wirkt.

Eleni Klotsikas ist eine preisgekrönte Journalistin deutsch-griechischer Herkunft. In Berlin aufgewachsen, aber mit engen Verbindungen zu Griechenland, verfolgte sie seit Ausbruch der Eurokrise die Entwicklungen in Griechenland und wie diese in Deutschland wahrgenommen wurden. Für ihre Radio-Feature „Odyssé im Euroraum“ erhielt sie 2013 den Ernst-Schneider-Preis, einen der bedeutendsten Preise für Wirtschaftsjournalismus. Sie ist Autorin der Investigativsendung "Frontal 21" und hat dort häufiger über die Griechenland-Krise berichtet.

Hans Köbrich hat 30 Jahre bei BMW in Spandau gearbeitet und war 25 Jahre Mitglied im Betriebsrat und gewerkschaftlicher Vertrauensmann. Er war zuletzt vor seiner Pensionierung auch Mitglied im Ortsvorstand der Berliner IG Metall. Er arbeitet heute im Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin. Der Arbeitskreis hat sich zur Aufgabe gestellt, die internationale gewerkschaftliche Solidarität auf Basisebene zu entwickeln. Diese Solidarität ist ein Prozess gegenseitigen Austauschs, Lernens und Unterstützens, der durch das gegenseitige persönliche Kennenlernen ein solides Fundament bekommt. Seit 2012 in Folge der Verschärfung der Eurokrise für die Länder Südeuropas gibt es einen Griechenland-Schwerpunkt. Die Begegnung mit aktiven griechischen Kolleg_innen und die Aufklärung über Ursachen und Auswirkungen der Spardiktate stehen dabei im Mittelpunkt.
 

Antonis Anissegos & Andreas Karaoulanis

Konzert

Die beiden in Berlin lebenden und arbeitenden Künstler widerlegen in ihren Werken alle gängigen Griechenlandklischees. Zur Aufführung kommt ihr gemeinsames Projekt best before unu. Es arbeitet mit der Erzeugung komplexer sonisch-visueller Formationen. In einem endlosen Kreislauf werden Audiofrequenzen analysiert und in Bildbewegungen umgewandelt, die wiederum die Musik mit neuen Impulsen füttern. In der Version mit Live-Piano fügt best before unu dem kreativen Prozess weitere akustische Dimension hinzu und führt das Publikum durch Morphing-Landschaften und imaginäre Organismen und stimuliert das Entstehen immer neuer Assoziationen.

Andreas Karaoulanis studierte Informatik und Animation. Seine aktuellen Arbeiten beschäftigen sich mit interaktivem Mediendesign und Animationsfilm. Seine Werke wurden u.a. in Museen in London, Moskau und Paris. sowie in zahlreichen Galerien ganz Europas präsentiert. Unter seinen aktuellen Projekten ist der viel beachtete interaktive Blog "bestbefore". Gemeinsam mit Antonis Anissegos bildet er das audiovisuelle Improvisationsduo "Best Before Unu". Daneben ist er Mitglied der Visual Berlin Association. Zuletzt arbeitete er mit der Katerina Liana. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Antonis Anissegos ist ein griechischer Komponist und Pianist. Er studierte klassisches und Jazzklavier in Thessaloniki, Budapest, Wien, Köln und Berlin. Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde Anissegos von Manos Hadjidakis gefördert, der seine Werke aufführte und Kompositionen bestellte. Er erhielt mehrere Kompositionsstipendien und eine Reihe von Kompositionspreisen. Seine Kompositionen wurden u.a. von Ensemble Modern, Ensemble Piandaemonium, Ensemble Mosaik, Ensemble Cornucopia, Ensemble DissonArt, Staatliches Orchester Thessaloniki, Farbenorchester Athen und Junge Philharmonie Thüringen aufgeführt. Anissegos ist Mitglied der Ensembles European Music Project und Ensemble Junge Musik und arbeitet daneben in zahlreichen weiteren Projekten.


Eine Veranstaltung kuratiert von Chrysafis Avramidis,
in Kooperation mit der Hellenischen Gemeinde zu Berlin e.V.